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Harmas de Fabre : le cabinet de travail © MNHN - Agnès Iatzoura

Ein gelehrter Alleskönner

Jean-Henri Fabre, der in erster Linie Naturforscher war, war ein einzigartiger Beobachter des Tierverhaltens. Als Pädagoge veröffentlichte er zahlreiche Schulbücher für Kinder. Er hinterlässt der Nachwelt viele Schriften, von der Summe der Entomologischen Erinnerungen bis hin zu Gedichtsammlungen in provenzalischer Sprache.

Der Harmas, Zufluchtsort und Labor unter freiem Himmel

1879, im Alter von 56 Jahren, erwarb Jean-Henri Fabre in dem kleinen Dorf Sérignan-du-Comtat, 30 km nordwestlich von Avignon, ein Gelände von etwa einem Hektar mit einem Bauernhaus und einem Brachland - auf provenzalisch „Harmas“. Auf diesem verwilderten Land mit spontaner Vegetation, einem beeindruckenden Labor unter freiem Himmel, beobachtete Jean-Henri Fabre unermüdlich das Leben und das Verhalten unzähliger Insekten: Zikaden, Pillendreher, Mistkäfer, Bienen ... Der Harmas, auf dem er die letzten 36 Jahre seines Lebens verbrachte, war für Jean-Henri Fabre ein Heim für seine Familie und gleichzeitig ein einzigartiges Beobachtungsfeld.

„Das ist es, was ich gesucht habe, hoc erat in votis (das war mein Herzenswunsch): ein Stück Land, nein, nicht besonders groß, aber abgeschlossen und geschützt vor neugierigen Blicken; ein Stück Land, verlassen, unfruchtbar, von der Sonne verbrannt. (...)“

Entomologische Erinnerungen, 2. Serie, Kap. 1, Delagrave, 1925

„Ich will über das Stück Land sprechen, auf dem ich gedanklich bereits ein Labor für lebende Entomologie eingerichtet habe, ein Stück Land, das ich in der Einsamkeit eines kleinen Dorfes endlich gefunden habe. Es ist ein Harmas. Diesen Namen gibt man auf dem Land einem unbebauten, steinigen Gebiet, das dem Thymian überlassen wurde. (...)“

Entomologische Erinnerungen, 2. Serie, Kap. 1, Delagrave, 1925

„Da kann ich Sandwespe und Grabwespe befragen, ohne von Passanten gestört zu werden(...); Ohne weite Märsche, die viel Zeit brauchen, ohne erschöpfende Wege kann ich meine Pläne verfolgen, meine Fallen stellen und sie täglich und jederzeit prüfen.“

Entomologische Erinnerungen, 2. Serie, Kap. 1, Delagrave, 1925

Jean-Henri Fabre en famille à l'Harmas © DR - MNHN

Jean-Henri Fabre mit Familie im Harmas © DR - MNHN, von DR - MNHN

Le mas de l'Harmas © DR
Le mas, Harmas de Fabre © DR - MNHN
Cabinet de travail du vivant de Jean-Henri Fabre © DR
Ruche installée par Fabre dans le jardin de l'Harmas © DR

Beobachtung als Lebensziel

Jean-Henri Fabre bezeichnete sich eher als Naturforscher denn als Entomologen.

„Ich bin ein sehr unerfahrener Jäger, mit sehr geringem Eifer, denn das Insekt interessiert mich viel mehr, wenn es seiner Tätigkeit nachgeht, als mit einer Nadel durchbohrt in einer Kiste. Alle meine Jagdgeheimnisse reduzieren sich auf meine Baumschule voller Disteln und Flockenblumen.“

Entomologische Erinnerungen, 2. Serie, S. 8, Paris, Delagrave, 1925.

„Wir nehmen ein Insekt, wir durchbohren es mit einer langen Stecknadel, befestigen es in der Schachtel mit Korkboden, legen ein Etikett mit einem lateinischen Namen unter die Beine und alles ist über es gesagt. Diese Art, die entomologische Geschichte zu verstehen, befriedigt mich nicht. (...) Ich werde das Tier nur dann wirklich kennen, wenn ich seine Lebensweise, seine Instinkte, seine Verhaltensweisen kenne“.

Entomologische Erinnerungen, 1905, 1. Serie, Kap. 9 Delagrave, 1925.

„Anscheinend ist in dieser Welt die Entwicklung der Zelle nicht alles. [...] Ich lehne die moderne Instinkttheorie ab. Ich sehe darin nur eine intellektuelle Spielerei von Naturforschern, die ihr Arbeitszimmer nie verlassen und die Welt nach ihrer Fantasie gestalten. Der Beobachter jedoch, der sich mit der Realität der Dinge auseinandersetzt, findet keine ernsthafte Erklärung für alles, was er sieht.“

Entomologische Erinnerungen, 2. Serie, S. 25-26, Paris, Delagrave, 1925.

Fabre en pleine observation © DR - MNHN

Fabre, in die Beobachtung versunken © DR - MNHN, durch DR - MNHN

Séance de prise de vue avec Jean-Henri Fabre © DR

Korrespondenz mit Gleichgesinnten

Unter den Manuskripten und der Korrespondenz von Fabre fanden sich ein Brief des provenzalischen Dichters Frédéric Mistral und zwei Briefe von Darwin.
Letzterer nannte ihn „einen unnachahmlichen Beobachter“ aufgrund seiner sorgfältigen Studien über das Leben und die Gewohnheiten von Insekten. In einem seiner Briefe dankt Darwin Fabre für das Senden seiner Entomologischen Erinnerungen und fügt hinzu: „Ich glaube nicht, dass jemand in Europa Ihre Forschung aufrichtiger bewundert als ich.“ Mit dem illustren Theoretiker diskutierte Fabre insbesondere über seine Erfahrungen mit Mauerbienen. Sein Misstrauen gegenüber der Evolutionstheorie hinderte Fabre nicht daran, ihm höchste Wertschätzung entgegenzubringen.

Fabre dans son cabinet de travail © DR - MNHN
Fabre, Legros et le sculpteur Sicard à l'Harmas © DR - MNHN
Visite du président Raymond Poincarré à l'Harmas en 1914 © DR - MNHN

Weitergabe des Wissens

Fabre hat sein Leben lang damit verbracht, seine Leidenschaft weiterzugeben und sein Wissen zu teilen. Seine Zusammenarbeit mit dem Herausgeber Charles Delagrave führte zur Veröffentlichung von rund einhundert Lehrbüchern und populärwissenschaftlichen Büchern. Die Themen? Sie reichen von Lebenswissenschaften über Physik, Agrarchemie, Algebra, Astronomie, Geologie und Mechanik bis hin zu Hauswirtschaft, dem Thema eines Lehrbuchs für zukünftige Ehefrauen.

Die Entomologischen Erinnerungen, die in 14 Sprachen übersetzt und in vielen Lehrbüchern – vor allem in Japan – zitiert wurden, sind ein bedeutendes Werk, das noch immer die Neugier der Schüler weckt.

„Auch wenn ich für Wissenschaftler schreibe, oder für Philosophen (...), so schreibe ich auch und in erster Linie für junge Menschen, denen ich diese Naturgeschichte näher bringen möchte.“

Entomologische Erinnerungen, Jean-Henri Fabre, 1882, 2. Serie, Kapitel 1.

Ein provenzalischer Poet

Fabre, der in seinen wissenschaftlichen Schriften gerne literarische Akzente setzte, hat uns auch einige Gedichte hinterlassen. Hier ein Beispiel:

La tino

Lou mounde es la tino dóu sort,
Es la tino fatalo
Ounte, liogo d'age, la mort
De si bato brutalo
Escracho, chaucho laid e bèu,
Bon e marrit, frucho e cruvèu,
Pèr fin qu'emé 'no trounadisso
Giscle un rai de bon vin de l'orro mescladisso

La cuve

Le monde est la cuve du sort ;
c'est la cuve fatale
où en guise de raisins, la mort
de ses savates brutales
écrase, foule laid et beau,
bon et mauvais, pulpe et noyaux,
afin que avec un bruit de tonnerre
jaillisse un jet de bon vin de l'horrible mélange.

Das Fass

Die Welt ist das Fass des Schicksals,
ein tödliches Fass,
in dem statt Trauben der Tod
auf grausamen Sohlen alles zertrampelt,
Schönes und Hässliches,
Gutes und Schlechtes,
Fruchtfleisch und Kerne;
Auf dass mit Donnerschlag

Ein Strahl guten Weines aus der grausigen Mischung entspringe.

Die Gedichte von Fabre ebenso wie die gesamten Entomologischen Erinnerungen finden Sie auf der Website le site e-fabre.